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Ruth Weiss – eine 94-jährige Zeitzeugin beeindruckt in Sulzbach tief

22.07.2019
„Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt!“

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 Wir bedanken uns bei Herrn Heinz Linduschka für einen wundervollen Artikel über eine wundervolle Frau.

Zwei scheinbar unvereinbare Sätze der Ruth Weiss, geborene Löwenthal, die in wenigen Tagen 95 Jahre alt wird, bleiben von ihrem Vortrag im Haus der Begegnung am Samstagabend besonders gut im Gedächtnis: „Man hat uns die Jugend gestohlen" und „Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt." Nach ihren knapp zweistündigen Erinnerungen, die sie mit klarer Stimme und völlig frei vortrug, weiß man: Beides stimmt. Alle waren von der Frau, der man ihr hohes Alter angesichts ihrer geistigen Präsenz überhaupt nicht anmerkte, tief beeindruckt, auch Norbert Elbert, der 2.Bürgermeister der einladenden Marktgemeinde, der zahlreiche Zuhörer begrüßen konnte und dabei an den 70.Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli erinnerte

Mit einem „Grüß Gott!" begann Ruth Weiss ihre spannenden und intensiven Erinnerungen an ihr Leben von der Geburt in Fürth 1924 über die Emigration der jüdischen Familie 1936 nach Südafrika bis zu ihrem heutigen Leben in Dänemark in der Nähe ihres Sohnes. „Ich habe das ‚Grüß Gott‘ als Kind gelernt" sagte sie und machte klar, das ist für sie viel mehr als ein Floskel. Dass sie am Untermain große Achtung genießt, ist ihr auch deshalb wichtig, weil sie diese Region immer noch als eine Art Heimat empfindet, schließlich lebten Verwandte von ihr in Hörstein, einem Stadtteil von Alzenau, bei denen sie Teile ihre Kindheit und Jugend verlebte, und ihr Onkel Matthias Löwenthal besaß das Kaufhaus Löwenthal in der Aschaffenburger Herstallstraße bis zur „Arisierung" durch die Nazis. Umso so schöner für sie und umso positiver für die Stadt, dass 2010 die staatliche Realschule mit heute knapp 1100 Schülerinnen und Schülern Ruth Weiss zur Namensgeberin gewählt hat. Mehrere Schülerinnen waren in das Haus der Begegnung gekommen und hörten aufmerksam zu, was Frau Weiss zu sagen hatte.

Das „Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt" ist ihr wichtig, auch bei ihrer engagierten Erinnerungsarbeit als Zeitzeugin der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte. Immer wieder betont sie, dass sie nie in einem Lager interniert war, weil ihr mit ihren Eltern dank Verwandter in Südafrika rechtzeitig die Flucht aus Nazideutschland gelang. Eine beeindruckende Zeitzeugin, die vor allem jungen Menschen sehr viel zu geben hat, ist sie gleichwohl, weil sie ganz detailliert und sensibel schildern kann, wie scheinbar harmlos der Weg in ein Terrorregime beginnen kann. Das haben die Löwenthals hautnah miterlebt, als Ruth selbst vom Nazilehrer und von ihren „liebsten Klassenkameradinnen" schon 1933 geschnitten und zur ungeliebten Außenseiterin gestempelt wurde, als der Vater seinen Angestelltenjob 1933 und so die Familie ihre Existenzgrundlage in Deutschland verlor.

Ruth Weiss hat unglaublich viel Interessantes aus ihrem 95-jährigen Leben in vielen Ländern der Welt zu erzählen, hat sehr viele berühmte Menschen kennengelernt wie z.B. Henry Kissinger, der in Fürth ein Klassenkamerad ihrer Schwester war, hatte in Südafrika als Korrespondentin der BBC und der Deutschen Welle Kontakt mit Nelson Mandela und anderen Kämpfern gegen die Apartheit und weiß, dass eine Verfolgung wegen der Religion genau so unerträglich ist wie die wegen der Hautfarbe. Bei ihrem Kampf gegen Unmenschlichkeit und für Frieden hat die Frau, die 2005 für den alternativen Friedensnobelpreis nominiert wurde, viele Mitstreiterinnen gefunden. Nach Sulzbach war Anni Kropf gekommen, eine Lehrerin der Real-schule Aschaffenburg, die Ruth Weiss in Afrika kennengelernt und maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Realschule nun diesen Namen trägt, und Christina Stucky Kommunikationsbeauftragte der Netzwerks „Friedensfrauen" aus Bern, das für die Nominierung von 1000 Friedenfrauen sorgte und bis heute aktiv ist.

Die Lektüre der zahlreichen Bücher aus der Feder von Ruth Weiss lohnt sich auf jeden Fall. Zwei Beispiele aus der langen Liste: Ruth Weiss, Die Löws – Nachspiel. Eine jüdische Familiensaga in Deutschland. Band 6, 2019, 326 Seiten, 16 Euro, ISBN-13: 978-3868411720 und die Autobiografie Ruth Weiss, Wege im harten Gras, Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England, mit einem Nachwort von Nadine Gor-dimer. 2016, 306 Seiten, 18 Euro, ISBN-13: 978-3868411621.

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